Das Brauchtum
Eine Betrachtung von Fred Quantius
Es gibt immer etwas Neues, auch in unserem Umgang mit traditionellen Begriffen. So wird „Brauchtum" im modernen Sprachgebrauch als veraltet bezeichnet und von Volkskundlern immer weniger im Zusammenhang mit Fastnachtsbrauchtum verwendet. Leider.
Stattdessen ist von „Brauchpflege" die Rede. Allerdings werden die traditionellen Bezeichnungen im Kreis aktiver Karnevalisten, sowie auch in einschlägigen Publikationen weiterhin verwendet. „Brauch", althochdeutsch für bruh bedeutet „von Nutzen". Ein Brauch ist eine in einer Gemeinschaft, nicht aber eines Einzelnen erwachsene Gewohnheit. Brauch bestimmt den Ablauf von Zeremonien, „Sitte" ist die hinter dem Brauch stehende moralische Ordnung.
Die menschliche Kultur hat ein weit gefächertes Brauchtum entwickelt, das aus langjährigen Erfahrungen und Entwicklungen entstanden ist. Bräuche dienen der Sinn-, Identitäts- und Integrationsstiftung. Sie vereinen und wirken gemeinschaftsbildend. Sport-, Karnevals- und Musikvereine, Zünfte und Universitäten, Kinderund Jugendgruppen bilden und bewahren regionales wie nationales Brauchtum. Brauchtum wirkt handlungsorientierend.
Es liefert einen Rahmen für Zeichen und Symbole, für Rollen und Zusammenhalt. Wie Volkskundler festgestellt haben, entsteht ständig neues Brauchtum. Leider hat dieses neue Brauchtumsbewusstsein nicht mehr die gleiche Integrationswirkung, wie noch vor ein paar Jahren.
Die Traditionsketten, die für die Überlieferung nötig sind, werden immer kürzer. Sicher ist, dass nach wie vor das kirchliche Leben ein Hauptträger des Brauchtums ist. Dann kommt das Jahr mit den Einschnitten durch jahreszeitlich bedingte unterschiedliche Abläufe. Auch durch die Feste, individuelle Lebensläufe und Entwicklungen in der Gemeinschaft ergeben sich viele Anlässe für gemeinsames Erleben von Verhalten, Handeln und Feiern.
Die meisten Bräuche stammen allerdings aus dem Kultischen Bereich und aus dem Verlauf der menschlichen Evolution. Der Mensch braucht aber nicht nur Feste und Feiern, um die Eintönigkeit des Alltags zu unterbrechen, er braucht auch kleine Aufgaben, die ihm seinen Platz in der Gesellschaft zu bestätigen. Dazu gibt es genug Gelegenheiten. So wird unter Anderem auch die Heimat- und Naturverbundenheit gefördert und erhalten. Die Pflege der Nachbarschaft, wie der Dorfgemeinschaft ist enorm wichtig.
Man kann es glauben oder nicht, das Brauchtum entstand gemeinhin in den Gotteshäusern. Nach dem Hochamt traf man sich beim Frühschoppen. In den Gesprächen kamen die Gäste oft auf die ausgefallensten Ideen. Da ist schon mancher Verein entstanden oder zumindest ein gemeinsames Handeln. Einige Karnevalsvereine in unserer Stadt sind bekanntlich aus Kegelclubs, Gesangsvereinen und Turnvereinen hervorgegangen. Es gibt natürlich nicht nur Vereine, die das Brauchtum pflegen, sondern auch Zweckvereine, die in erster Linie der gemeinsamen Förderung von selbst gestellten Aufgaben dienen. Dazu gehören beispielsweise der Gartenbauverein, der Taubenzuchtverein, Briefmarkensammeln, Musikvereine, Tennis- und Schachclubs u.v.a.m. Aber von diesen Vereinen soll hier nicht die Rede sein.
Auch viele Hobbys führen zu Zusammenkünften. In Dorfgemeinschaften ist dies auch heute noch besonders ausgeprägt und möglich. Das gilt vor allem für den Karneval und die Schützenbruderschaften.
Woher aber kommen die Karnevalsbräuche?
Die Geschichte des Karnevals beginnt eigentlich schon in vorchristlicher Zeit. Es traten Menschen damals schon in Pausen von Theatervorführungen mit Masken und aufgesetzten Buckeln auf und machten ihre Scherze mit dem Publikum. Auch während des römischen Reiches wurden an besonderen Feiertagen, wie den Saturnalien, schon die Wurzeln für die heutige Karnevalskultur gelegt. Da zogen die Römer schon mit Fellen bekleidet durch die Straßen und machten nach alten Traditionen Ihre Späße mit dem Publikum. In mittelalterlichen Städten übernahmen die Handwerker den Part der Spaßmacher.
Auch an den Fürstenhäusern zogen die Narren ein. Seit dem Ende des Mittelalters bildeten sich schon damals Vereinigungen zum Zweck gemeinsamer Fastnachtsfreuden. Es gab bereits bestimmte Moden, nach denen Masken und Kostüme gestaltet wurden.
Seit dem 19. Jahrhundert gibt es die Tradition des Karnevalsprinzen in der Gestalt des „Helden Karneval". Später wurden Prinz und Prinzessin mit einem Hofstaat gewählt,
so wie wir ihn auch von heute kennen. Nicht nur in Bad Godesberg, Köln, Mainz und Düsseldorf wird Karneval gefeiert. Auf der ganzen Welt gibt es Karneval. Aber gefeiert wird er unterschiedlich. Von einigen davon will ich hier berichten.
Der Baseler Morgenstreich.
Am ersten Fastensonntag findet die alte Bauernfastnacht statt. In den ersten Morgenstunden hört man lautes Pfeifen und dumpfes Dröhnen von Trommeln in der Altstadt. Höllengeister, Dämonen und Kobolde tragen bunte Laternen auf den Köpfen und tanzen im Trommelschritt durch die Gassen. Anschließend trifft man sich zur traditionellen Mehlsuppe und Zwiebelwähe (Zwiebelkuchen) in den Gaststätten.
Buchenbacher Scheibenschlagen.
Hier blieb der Brauch des Scheibenschlagens erhalten. Holzscheiben werden an langen Stöcken befestigt und in einem Festzug zu einem Scheiterhaufen getragen. Darin werden sie angezündet und mit einem Schwung von dem Stock gelöst. Dann fliegen sie wie feurige Untertassen ins Tal. Zuletzt wird noch ein vorbereitetes Feuerrad angezündet und den Scheiben hinterher geschickt.
Dammer Karneval.
Eine Woche vor den Karnevalshochburgen feiert man seit 1614 im niedersächsischen Damme Karneval. Jedes Jahr treffen sich um die neunzigtausend Besucher um die fantasievollsten und größten Umzüge in Norddeutschland zu sehen.
Geisterzug in Blankenheim.
Seit 1613 ist der alljährliche Höhepunkt der traditionelle Geisterzug am Fastnachtssamstag. In weiße Laken gehüllte Gestalten mit hörnerartigen Zipfeln am Kopf bewegen sie sich tanzend und springend durch die nächtlichen Straßen. Sie tragen Pechfackeln und ziehen durch die mit bengalischem Feuer beleuchteten Straßen und Stadttore.
Nürnberger Schembartlauf.
Zwischen 1449 und 1525 war dieser Umzug einer der berühmtesten im Lande. Leider gibt es den von Metzgern seinerzeit veranstalteten Umzug heute nicht mehr. Die Akteure hatten sich über die Obrigkeit und die Geistlichkeit lustig gemacht und wurden deshalb in der Reformationszeit, also im 16. Jahrhundert, verboten.
Rottweiler Narrensprung.
Unter Peitschenknallen, Schellenklingeln und zu den Klängen des Rottweiler Narrenmarsches tobt der Narrenzug seit dem 15. Jahrhundert durch die Altstadt. Immer wieder versuchte die Obrigkeit das närrische Treiben zu verbieten. Seit der Brauch Anfang des 20. Jahrhunderts neu belebt wurde, feiern etwa viertausend Narren in traditionellen Trachten alljährlich ihr Fest.
Salzburger Perschtenlaufen.
In Salzburg, wie in den Alpenländern überhaupt, feiert man schon um den Jahreswechsel. Dann beginnt dort die Zeit des Perschten- und Rauchnachttreibens. Diese Feiern gehen meist nahtlos in den Fasching über. Wild verkleidete Gestalten tobten mit Glocken, Schellen und Fackeln durch die Straßen um die Dämonen und Schreckgespenster des Winters. Heute ist der Auftrieb etwas gemildert und endet meist im Erschrecken von Mitbürgern. Beliebte „Opfer" sind heute Frauen und Kinder.
Nun wird ja, wie beschrieben, Karneval nicht nur im Rheinland gefeiert, sondern auch in anderen Städten in diesem, unserem Land. So auch in Erfurt, Walsungen, Dülmen, sogar in Berlin hat der Karneval Fuß gefasst. Es gibt aber auch seit 1962 eine Städtepartnerschaft zwischen Bad Godesberg und Berlin-Steglitz-Zehlendorf. Prinz Paul Gieseke hat in seiner Session dort seine Aufwartung mit Gefolge gemacht. Die „Ständige Vertretung" und die Prinzenbesuche im Bundeskanzleramt haben zusätzlich dazu beigetragen, dass Karneval in Berlin jetzt in ist. Aber üblicherweise hört der Fastelovend, wie wir ihn kennen, hinter Düsseldorf fast auf. Mit Köln kommen aber weder die Düsseldorfer noch die Mainzer nicht ganz mit. Dort geht es deutlich kommerzieller zu. Auch der „Fasching" in München findet lediglich auf Bällen, aber mit tollen Dekorationen und Kostümen statt und ist dort mehr ein gesellschaftliches Ereignis. Es fehlt diesen Festen der volkstümliche Bezug.
Karneval Weltweit.
Den gibt es natürlich auf der ganzen Welt. Venedig, Nizza, Teneriffa, Rio de Janeiro und New Orleans sind nur ein paar Beispiele. In Venedig werden höfische Masken getragen. Der Karneval in Rio de Janeiro ist dagegen bekannt für seine fantasie- und temperamentvollen Umzüge, die meist von Samba schulen ausgerichtet werden.
Zurück ins Rheinland.
Im Großen und Ganzen gesehen haben die Veranstaltungen hinsichtlich des Brauchtums doch sehr gelitten. Wie in den letzten Tagen in den Zeitungen zu lesen war, haben nicht nur die karnevalistischen Festausschüsse Schwierigkeiten, Tollitäten zu finden, sondern auch andere Vereine. Die Schützen finden hier und da keinen Schützenkönig, weil niemand den Vogel abschießen will. Die Junggesellenvereine gehen die Mitglieder aus. Das mag nicht nur an den Finanzen liegen. Es ist mehrheitlich die aufzubringende Zeit. Der Aufwand ist vielen einfach zu groß. Die Arbeitgeber sind auch nicht mehr so großzügig wie vor Jahren. Da waren sie noch stolz, wenn ein Mitglied ihres Betriebes in der Öffentlichkeit stand. Heute erlaubt es die Geschäftslage oft nicht, die Tollitäten, den Schützenkönig oder den Maikönig freizustellen. Urlaub wird dafür nicht so gerne mehr genommen. Den braucht man dringend zur Erholung. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. „Et kütt, wie et kütt!" und „Et es noch imme jood jejange!" Wir haben wieder ein stolzes Prinzenpaar. Somit können wir frohen Mutes in die neue Session blicken und dem Brauchtum Karneval den Platz einräumen, der ihm gebührt. „Da simmer dabei!" Nicht umsonst lautet unser diesjähriges Motto:
Es gibt viele Möglichkeiten des Zusammenseins. Zu feiern in den Vereinen, in den Stadtvierteln mit ihren Sälen und Kneipen und mit den verschiedenen Menschen überhaupt. Hoffen wir, dass es so bleibt. Aber das gelingt nur, wenn sich alle bemühen, die richtigen Leute zu motivieren. In Gesprächen kann man viel vermitteln und erreichen. Das beweist jedes Jahr wieder die Praxis.
Wenn das Brauchtum stirbt, dann liegt es an uns selbst! ALAAF